Ilser Webstube - Entstehungsgeschichte und Werdegang

Beim Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden" gewann Ilse 1981 eine Silbermedaille. An der Preisverleihung in Ratingen nahmen viele Ilser Bürgerinnen und Bürger teil. Glücklich und zufrieden über die Auszeichnung entstand schon auf der Rückfahrt der Wunsch, auch am nächsten Landeswettbewerb erfolgreich teilzunehmen. Der damalige Ortsheimatpfleger Gottfried Fabritz und der Stellmacher Karl Nahrwold wollten das alte Hauswerk Weben wieder aufleben lassen, denn in Ilse blieben Bauernwebstühle bis in unsere Tage erhalten. Das wäre es doch: Weben wie zu Großmutters Zeiten!

Anfang des Jahres 1982 meldeten wir uns in einer Bürgerversammlung auf Anregung von Gottfried Fabritz als am Weben Interessierte. Marie Rösener hatte in ihrem Elternhaus bis nach dem Zweiten Weltkrieg gewebt, und sie war 1982 die einzige Frau in Ilse, die noch die Kunst des Ketteschärens, der Voraussetzung zum Weben, beherrschte. Unter ihrer Anleitung entstand im Backhaus der Familie Fabritz aus einem Garn, dessen Qualität sie bestimmt hatte, die erste Kette seit dem Stillstand der Bauernwebstühle in Ilse. Diese Kette war dann im Herbst die erste, die auf einen Webstuhl aufgezogen werden konnte.

Im Spätsommer erklärten sich Ilser Familien bereit, uns Bauernwebstühle auszuleihen. Mit der Kenntnis und dem handwerklichen Geschick Karl Nahrwolds und der Mithilfe seines Sohnes Günter gelang es, die alten Webstühle wieder herzurichten. Familie Nahrwold stellte in ihrem Haus einen großen Raum zur Verfügung. Die Eheleute Fabritz lernten die Webmeisterin Frieda Reimler aus Minden kennen, die von unserem Vorhaben sehr beeindruckt war und uns gern behilflich sein wollte. Nachdem die nötigen Garne und das Zubehör für Webstühle besorgt waren, konnten wir mit den Vorbereitungen zum Weben anfangen.

Am 15. Oktober 1982 begann unter Frau Reimlers Leitung im Hause Nahrwold, Ilser Postweg 8, unser Spinn- und Webkurs. Dreimal pro Woche gab Frau Reimler mit Ausdauer und Geschick ihr reiches Wissen und ihre langjährige Erfahrung an uns siebzehn Kursteilnehmerinnen weiter. Unter ihrer Anleitung wurden einige Bauernwebstühle mit dem Kontermarsch versehen. So konnten wir nicht nur die Leinenbindung weben, sondern auch Köper, Rosengang und Doppelgewebe für Wollstoffe, Schwedenborte und Gerstenkorn für Tischdecken, Läufer, Rock- und Kleiderstoffe.

Immer wieder half sie uns beim Auszählen neuer Muster. Wertvoll war für uns ihr sicheres Urteil beim Garn- und Materialeinkauf. Besonderen Einsatz brachte sie bei unseren großen Ausstellungen mit Spinnvorführungen, Wockenherstellung und Fachgesprächen mit Besucherinnen und Besuchern. Mehrere Jahre lang hat sie aktive theoretische und praktische Aufbauarbeit geleistet; deshalb wurde sie Ehrenmitglied unserer Webgemeinschaft. Gern nahm sie an unseren Ausflügen und Feiern teil. Bis zu ihrem Tode 1998 im Alter von 87 Jahren zeigte sie Anteilnahme am Ilser Webgeschehen.

Zur Sprecherin wählten wir Annette Brase für ein Jahr; ihre Stellvertreterin war Marie Rösener. Irmgard Nahrwold ist von Anfang an „die Seele" der Webstube. Fachkundig und engagiert begleitet sie den Ablauf aller Planungen und Arbeiten in der Webstube. Ihr Ehemann Günter sorgt dafür, dass alle Webstühle funktionsfähig bleiben.

Bereits im März 1983 konnte sich die „Ilser Webstube" in einer Ausstellung in der Gaststätte Herbig/Rösener darstellen. Der Zustrom von Besucherinnen und Besuchern übertraf alle Erwartungen. Beim Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden" gewann Ilse wieder eine Silbermedaille, und die Ilser Webgemeinschaft erhielt für kreative Gemeinschafts­leistungen einen Sonderpreis des Westfälisch-Lippischen Landfrauenvereins.

Wegen des ständigen Besucherandrangs in den folgenden Jahren entschlossen wir uns 1987 zu einer weiteren Ausstellung; diese fand in einem großen Zelt am Schützenhaus statt. Wir zählten an den drei Ausstellungstagen Anfang Oktober etwa 2500 Besucherinnen und Besucher aus weitem Umkreis und 500 Schulkinder. In der hiesigen Tagespresse, im Landwirtschaftlichen Wochenblatt und in Webzeitschriften erschienen anerkennende Berichte.

Für die geplanten Webvorhaben und den Besucherandrang reichte der Platz in der Webstube nicht mehr aus. Familie Nahrwold hatte einen Stall, der schon lange nicht mehr genutzt wurde, aber es fehlte der Webgemeinschaft das nötige Geld für einen Umbau. Wilhelm Seele, der damalige Ortsvorsteher und Vorsitzende der Kulturgemeinschaft Petershagen-Ilse, setzte sich bei der Stadt Petershagen und beim Kreis Minden-Lübbecke mit großem Engagement für uns ein. Aufgrund eines Gutachtens über die Ilser Webstube des Kreisheimatpflegers Dr. Gerhard Franke wagten wir es, einen Antrag an die Nordrhein-Westfalen-Stiftung zu stellen, uns bei den geplanten Baumaßnahmen zu unterstützen. Voraussetzung für eine Förderung war die Gründung eines Vereins. Die Gründungsversammlung fand am 30. Juli 1990 statt. Die Eintragung in das Vereinsregister wurde durch Notar Bernhard Brey beantragt. So wurde aus der „Ilser Webstube" der gemeinnützige Verein „Ilser Webgemeinschaft e. V." mit den Zielen:

· Bewahren eines alten Kulturgutes,
· Aufarbeiten alter Webmuster und Einbringen neuer Techniken,
· Zeigen der verschiedenen Arbeiten am Webstuhl, um Besuchern dieses Handwerk näher zu bringen,
· Schaffen individueller Webstücke.


Das Amt der 1. Vorsitzenden übernahm Helga Janze, die seit 1983 Sprecherin der Webgemeinschaft war, 2. Vorsitzende wurde Hildegard Reinking, 1. Schriftführerin Karin Schwanda, 2. Schriftführerin Renate Fabritz, 1. Schatzmeisterin Christa Eick, 2. Schatz­meisterin Gisela Limbach.

Durch die finanzielle Unterstützung der NRW-Stiftung, des Kreises Minden-Lübbecke, der Stadt Petershagen und insbesondere durch die Mithilfe des damaligen Ortsvorstehers Wilhelm Seele, der örtlichen Vereine und vieler Ilser Bürgerinnen und Bürger, entstand eine Webstube, die allen Anforderungen der Webgemeinschaft entspricht. Die Eröffnungsfeier fand vom 8. bis 10. Oktober 1993 verbunden mit einer Ausstellung statt.

Die derzeitigen Mitglieder sind: Anke Ajmal, Annette Brase, Christa Clauß, Christa Eick, Gottfried Fabritz, Renate Fabritz, Dora-Luise Janze, Helga Janze, Gisela Limbach, Helma Meyer, Irmgard Nahrwold, Sophie Niemann, Brigitte Peek, Hildegard Reinking, Annegret Rennekamp, Helga Rösener, Inge Rösener, Marie Rösener, Karin Schwanda, Hanna Teikemeier. Günter Nahrwold ist Ehrenmitglied.

Einmal in der Woche, jeweils am Mittwoch, treffen wir uns zum Weben, aber es bleibt auch noch Zeit zum Klönen. 11 Handwebstühle mit unterschiedlichen Einzügen und einer Webbreite von bis zu 160 cm stehen hier auf einer 150 qm großen Arbeits- und Ausstellungsfläche. Der älteste funktionsfähige Bauernwebstuhl stammt aus dem Jahre 1796. Wir weben nur mit den Naturmaterialien Leinen, Baumwolle, Wolle und Seide.

In einer ständigen Ausstellung werden alte und neue Webstücke gezeigt. Die Ilser Webstube ist von März bis November immer am 2. Sonntag im Monat von 14.00 - 17.00 Uhr für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Wer bei uns mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen.

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